Alkohol war einfach normal
Kindheit auf dem Land
Bei uns zu Hause wurde getrunken – an jedem Wochenende und zu jedem Anlass. Kisten Bier, eine Flasche Cognac, Likör zum Nachtisch. Aus dem einen Feierabendbier wurden selten weniger als fünf. Niemand hat das hinterfragt, und niemand hat mir erklärt, dass es auch anders geht.
Ich habe auch die Schattenseiten gesehen: Streit, Rausch, Stimmungen, bei denen man als Kind lieber in seinem Zimmer blieb. Trotzdem galt Alkohol nie als Problem. Er gehörte einfach dazu.
Wer am meisten trinkt, gewinnt
Mit 15 bis 18
Auf dem Dorf gab es nicht viel zu tun, also haben wir getrunken. Mein erster Rausch war ein Wetttrinken: Wer aufhört, ist der Verlierer. Später habe ich mir mit einem Freund innerhalb von Minuten eine halbe Flasche Tequila geteilt und die Nacht über der Toilette verbracht. Zu Hause gab es dafür keinen Ärger – und damit auch keine Grenze.
Im Abi-Jahrbuch landete ich im Ranking auf einem der vorderen Plätze als „Suchtkopf“. Damals fand ich das cool.
Mit 19 plötzlich Vater
Kurz vor dem Abitur
Von einem Tag auf den anderen wurde ich Vater. Es war eine schwere Zeit mit vielen Wochen im Krankenhaus, und ich war mit 19 komplett überfordert. Meine Pläne waren auf einmal weg. Ich habe hinter der Bar gearbeitet – und getrunken, statt zu fühlen.
Studium, Events und die perfekte Ausrede
Anfang 20 bis Ende 20
Im Studium fand ich einen Freundeskreis, der klug, ehrgeizig und trinkfreudig war. Die perfekte Mischung für mich. Ich habe mich in der Hochschulpolitik engagiert, Partys, Kneipentouren und Festivals organisiert – und konnte überall umsonst trinken. Ich war gut vernetzt, beliebt und fast jeden Abend dabei.
Beziehungen sind daran zerbrochen. Ich habe mir heimlich gewünscht, dass jemand anderes endlich eine Grenze zieht – und war wütend, wenn es niemand tat. Ich habe regelmäßig ins Bett gemacht, weil ich so betrunken war. Und ich hatte die ersten richtigen Depressionen: Monate, in denen ich kaum aus dem Bett kam.
„Ich wollte, dass jemand mir die Entscheidung abnimmt. Aber das kann niemand.“
Flucht nach Barcelona
Mit 27
Ich bin weggelaufen – zu einem Freund nach Barcelona. Dreieinhalb Monate, drei bis fünf Partynächte pro Woche, 6.000 Euro weg. Manchmal habe ich vor dem Ausgehen allein eine Flasche Whisky getrunken. Die Depression war nicht mehr phasenweise da, sondern ständig.
Ich habe damals viele Songtexte geschrieben – über Alkohol, Einsamkeit, Leere. Immer betrunken. Nüchtern hätte ich sie mir nie durchgelesen.
Der erste Versuch
Zurück in Deutschland
Mit einem guten Freund saß ich jeden Samstag bei einem Kasten Bier. Irgendwann haben wir uns angeschaut und es ausgesprochen: Wir haben ein Problem. Wir haben uns geschworen, ein Jahr lang nichts zu trinken. Ich habe knapp vier Monate durchgehalten – die besten seit Langem. Dann war ich wieder drin.
Danach kam die schwerste Depression meines Lebens. Ein halbes Jahr, fast nur im Bett. Der erste Lichtblick war ein Abend, an dem ich alles aufgeschrieben habe, was in meinem Kopf los war. Zum ersten Mal wurde es ruhiger.
Karriere mit Alkohol im Gepäck
Köln, Anfang 30
Beruflich lief es trotzdem. Ich wurde Projektleiter in großen Eventagenturen und später Brand-Manager für bekannte Spirituosenmarken – ein Traumjob mit Budget, Netzwerk und jeder Menge Anlässen. Und natürlich mit Alkohol auf jeder Veranstaltung.
Ich habe auf Produktionen getrunken und verkatert gearbeitet. Es hat funktioniert – meistens. Einmal nicht: Da habe ich ein Event, für das ich verantwortlich war, verlassen, um in der Kneipe weiterzutrinken. Kurz danach war der Job weg.
Privat sah es nicht besser aus: 15 Kilo mehr, täglich Zigaretten, ständig erkältet, dauerhaft leicht depressiv. Mit Anfang 30 fühlte ich mich unattraktiv, unzufrieden und ohne Richtung.
Aufhören geht nicht mehr
2023 bis 2024
Ich habe es immer wieder versucht: mal einen Monat, mal zwei. Irgendwann bekam ich Panikattacken, sobald ich mir vornahm, nüchtern zu bleiben. Ohne Bier und Zigarette konnte ich meine Gefühle nicht mehr regulieren.
Jahrelang habe ich einen Therapieplatz gesucht – ohne Erfolg. Am Ende half mir das Mitarbeiter-Unterstützungsprogramm meines Arbeitgebers. Drei Monate später hatte ich einen Platz.
Der Wendepunkt
Anfang 2025
In der ersten Therapiestunde habe ich alles erzählt. Die Antwort: „Sie arbeiten in der Spirituosenbranche. Wir finden einen Weg, wie Sie hier und da noch etwas trinken können.“ Ich bin fast verzweifelt. Ich wollte, dass endlich jemand sagt: Hör auf. Stattdessen wieder ein Schlupfloch.
Kurz danach habe ich auf einer Party aufgelegt. Wodka, wie immer beim Auflegen. Ich dachte, es sei ein moderater Abend gewesen.
„Junge, jetzt reicht es. Es reicht wirklich.“
In der zweiten Therapiestunde habe ich gesagt: Kein Spielraum. Ich höre komplett auf. Seit diesem Tag habe ich keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken und keine Zigarette mehr geraucht. Die Therapie hat mir die Entscheidung nicht abgenommen – aber sie hat mir die Kraft gegeben, sie durchzuziehen.
Heute
Nüchtern seit Anfang 2025
Ich habe kein echtes Verlangen mehr nach Alkohol. Was es noch gibt, sind romantische Momente: das frisch angestochene Fass auf einer Feier, die Rotweingläser beim Tapas-Essen mit Freunden, das Anstoßen. Der Gedanke ist nach ein paar Sekunden wieder weg. Jedes Mal.
„Ich habe kein Verlangen. Ich habe manchmal eine Romantisierung. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge.“
Am schwersten war und ist die Zigarette – vor allem auf Events und beim Auflegen, wo ich früher immer geraucht habe. Auch daran arbeite ich jeden Tag.
Und ich arbeite immer noch in der Eventbranche. Nüchtern. Es geht.
Was ich daraus gelernt habe
- Niemand nimmt dir die Entscheidung ab. Aber du musst sie auch nicht allein durchziehen.
- Alkohol ist oft ein Ventil für Gefühle. Wer ihn weglässt, braucht neue Wege, mit Stress, Wut und Traurigkeit umzugehen.
- Depression und Trinken befeuern sich gegenseitig. Kurzfristig hilft der Drink, langfristig macht er alles schlimmer.
- Der Wendepunkt ist oft ein kleiner Moment. Nicht dramatisch, aber eindeutig.
- Verzicht funktioniert nicht, Ersatz schon. Neue Rituale, gute alkoholfreie Drinks und neue Belohnungen.
- Hilfe kommt nicht von allein. Man muss aktiv danach suchen – und darf dabei nicht aufgeben.